Insel-Stadt aus dem 3D-Drucker

In der Vergangenheit haben wir Euch mit dem SeaOrbiter und der Cité des Meriens bereits futuristische Projekte, die die Langzeit-Erforschung der Ozeane revolutionieren sollen, vorgestellt. Das Konzept „Aqueorea“ des belgischen Star-Architekten Vincent Callebaut geht noch einen Schritt weiter: Hier steht nicht, wie bei den Projekten von Jaques Rougerie, die Forschung im Mittelpunkt, sondern die Erschließung des Ozeans als neuem Lebensraum für die wachsende Weltbevölkerung. Doch nicht nur die Idee, den Ozean als Lebensraum zu nutzen, ist neu: Callebaut hat mit seinem Konzept – zu dem noch viele weitere Projekte gehören – eine umfassende utopische Vision mit alternativen Ideen für die Grundlagen des Zusammenlebens erschaffen, sei es in Bezug auf Arbeit und Wirtschaft, alltägliches Leben, Forschung oder Energiegewinnung.

Inselstadt

Willkommen in Aequorea, hier als Modell vor der Küste Rio de Janeiros (Bild: Vincent Callebaut )

Eine Riesen-Qualle als Wohnraum

Der Name seines Projekts – „Aequorea“ – leitet sich von „Aequorea Victoria“, einer fluoreszierenden Quallenart, ab. Das Vorbild der Qualle findet sich auch in der Konstruktion der riesigen, schwimmenden Hochhäuser wieder, deren unter Wasser liegender Teil aus einem spiralförmig bis zu 1000m in die Tiefe ragenden „Oceanscraper“, also quasi dem Gegenstück zu einem Wolkenkratzer, und rundherum angeordneten „Tentakeln“ besteht. Diese Konstruktion soll den Inseln in erster Linie Stabilität bei Wellengang und Seebeben verschaffen.

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Riesige Filter dienen der Plastikgewinnung aus dem Ozean (Bild: Vincent Callebaut )

Ein Brief aus der Zukunft

Auch die Art der Präsentation seines Projekts gestaltet Callebaut äußerst unkonventionell. Anstelle trockener Zahlen und Fakten umreißt er seine Idee in Form eines Briefes aus einer fiktionalen Zukunft im Jahre 2065, verfasst von der 15-jährigen Océane, einer Einwohnerin der Wasserstadt Aequorea.
Océane erläutert dem Leser die Fehler der Vergangenheit – in diesem Fall unserer heutigen Zeit – inklusive der Folgen, die zur Realisierung des Projekts „Aqueorea“ führten.
So werden aktuell jedes Jahr fast 270 Millionen Tonnen Plastikabfall weltweit produziert, wovon mehr als zehn Prozent in unseren Ozeanen landen. Dort bildet der Müll aufgrund von Strömungen riesige Plastik-Teppiche, die mittlerweile als der „Siebte Kontinent“ bezeichnet werden. Ein besonderes Problem stellen hier die in jüngster Vergangenheit in den Fokus der Öffentlichkeit gerückten Mikro-Plastikpartikel dar, die nicht nur unsere Gewässer zunehmend belasten, sondern so auch längst den Weg in unsere Nahrungskette gefunden haben. Hinzu kommen Klimawandel, Luftverschmutzung, fossile Brennstoffe – die von Callebaut thematisierten Probleme sind vielfältig und halten uns vor Augen, wie verantwortungslos wir bereits seit Generationen mit unserem Planeten umgehen. Doch der Architekt liefert mit seiner Projektbeschreibung mögliche Lösungsansätze für jedes dieser Probleme und hat den Plan, seine Inseln in Sachen Wasser-, Nahrungs- und Energie-Versorgung sowohl autark als auch vollkommen umweltfreundlich und emissionsfrei zu gestalten.

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Eines der Wohnhäuser aus der Nähe (Bild: Vincent Callebaut )

Algen-Plastik aus dem 3D-Drucker

So wird der Plastik-Abfall mit speziellen Filtern aus dem Meer gefischt und in Verbindung mit einem Algen-Protein zum Rohstoff, welcher die Grundlage für die Errichtung und den Ausbau Aequoreas in Form von Bauteilen aus dem 3D-Drucker bildet. Nicht die einzige neuartige Rohstoffquelle in Aequorea: Ob Klebstoff aus Muschelprotein oder antibakterielle Fußbodenbeläge nach Vorbild der Haut des Galapagoshais, Callebauts Einfallsreichtum in Bezug auf umweltfreundliche Ressourcenverwendung scheint unbegrenzt zu sein. Licht wird mithilfe von Luciferase erzeugt, demselben Stoff, der die Leuchtorgane von Tiefseefischen mit Licht versorgt. Auch die Nahrungsversorgung soll komplett autark sein: Oberhalb des Wassers wird auf den schwimmenden Inseln Obst und Gemüse auf in Terrassen angeordneten Gärten angepflanzt, unterhalb der Wasseroberfläche werden Algen und Weichtiere als Proteinquelle – neben nachhaltigem Fischfang – gezüchtet. Und auch die Wirtschaft in den Wasser-Städten funktioniert auf ihre eigene Art und Weise: neben völlig neuen Arbeitsverhältnissen ohne Hierarchien und mit Fokus auf Nachhaltigkeit statt auf Gewinnmaximierung soll es hier ebenfalls eine eigene, unabhängige Währung, den Aequo, geben.

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So lässt es sich leben: Unterwasser-Loft mit Blick auf das Treiben im Ozean (Bild: Vincent Callebaut )

Traumhafte Utopie oder realistischer Lösungsvorschlag?

Die Meinungen über Callebauts ehrgeiziges Vorhaben gehen auseinander. Die eine Seite tut seine Pläne als utopischen Größenwahnsinn ab, andere sehen in ihm einen großen Denker mit der Fähigkeit, kreative Lösungen für die großen globalen Probleme zu finden. Zur Zeit klingt Aequorea zugegebenermaßen noch sehr weit weg und es ist fast unvorstellbar, dass wir in naher Zukunft in einer völlig neuen Gesellschaftsform auf riesigen Plastikinseln im Wasser leben. Auf der anderen Seite sind es vielleicht gerade Ideen wie diese, die das Potential besitzen, durch radikales Umdenken und das Schaffen völlig neuer Grundlagen für unser Zusammenleben einen Ansatz zur Bewältigung der großen Probleme unserer Zeit – von Klimawandel, Ressourcenknappheit und Umweltverschmutzung bis hin zu Krieg, Hunger und Armut – zu schaffen.

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Die Ansicht von unten erinnert eindeutig an den Namensgeber für Aequorea, die Qualle Aequorea Victoria (Bild: Vincent Callebaut )

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